„Weshalb möchte die CDU die unangekündigten HÜs wieder einführen?“, will Elisa Ecker wissen und blickt gespannt nach vorne. Dort steht Tobias Baumgärtner und antwortet ohne zu zögern: „Das hat etwas mit der Lebenswirklichkeit zu tun. Wir stehen für das Leistungsprinzip, auch bei Bundesjugendspielen!“ „Ja, aber“, interveniert die Schülersprecherin, „hat das denn nichts mit Angst in der Schule zu tun? Worin liegt denn da der Mehrwert?“ „Wir wollen sanften Druck ausüben“, beharrt der neue Landtagsabgeordnete auf seiner Meinung und schon geht es in einem neunzigminütigen Austausch zum nächsten Thema – ein Kennenlernen nur vier Tage nach der rheinland-pfälzischen Landtagswahl: Sonntag gewählt, Donnerstag schon im Unterricht am GGG.

Aber nicht nur die Frage der Zwölftklässlerin an den neuen Parlamentarier stieß am 26. März 2026 auf das große Interesse der mehr als zwanzig Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangstufen 11 und 12 am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium Germersheim, sondern viele Themen mehr.
Laetitia Schwalbe erkundigte sich, ob Tobias Baumgärtner auch Anträgen der AfD im Landtag zustimmen wolle, was dieser zwar bejahte, jedoch nur, wenn es sich um gute Vorschläge handele. Diese habe es jedoch bislang noch nie gegeben. Auf Nachfrage von Mileen Schander, welche Versprechungen sich angesichts immer neuer Krisen überhaupt durchsetzen ließen, ergänzte der 48-jährige Bellheimer, dass einige Menschen den Stil mancher Politikerinnen und Politiker satt hätten. Entscheidend sei, wie es Bundeskanzler Helmut Kohl gesagt habe, was hinten dabei herauskomme. Mit der Großen Koalition gebe es eine große Unzufriedenheit. Bundeskanzler Friedrich Merz habe viel mehr versprochen, als er nun halten könne. Das liege daran, dass man einen Koalitionspartner brauche. Der zukünftige Ministerpräsident Gordon Schnieder habe „null Profilneurose“, sei uneitel und könne den Neuanfang schaffen. Die AfD sei in der Opposition. Es gebe keine Zusammenarbeit mit der AfD. Wenn ein Vorschlag der AfD vernünftig sei, dann sei auch eine Zustimmung möglich. Die AfD sei nicht böse, aber die CDU teile keine Werte mit ihr. Man müsse das AfD-Phänomen reduzieren.
Elena Berge erinnerte den CDU-Politiker an sein Wahlplakat „Reden ist Silber, Machen ist Tobias“: „Was wollen Sie für uns Jugendliche machen?“ Der Vater von zwei Söhnen erläuterte: „Zu nennen ist auf alle Fälle der Bürokratieabbau, nicht nur für Jugendliche, aber auch, z.B. für Hallensanierungen wie in Freisbach. Ein dreijähriges Verfahren sei einfach zu lang.“ Außerdem gebe es eine Wirtschaftskrise und Zukunftsangst. Jobs in der Industrie dürften nicht verloren gehen. Die Firmen und Unternehmen zweifelten am Standort Deutschland.
Wie eine bessere Schulpolitik aussehen könnte, interessierte Finjas Schwarz, worauf der sportbegeisterte Hobbymusiker forderte, es müsse bessere Räume, mehr Lehrkräfte und für diese auch im Bundesländervergleich eine bessere Bezahlung geben. Es müsse einen Investitionsschwerpunkt Schule geben. Eine Sanierung einer Sporthalle dürfe nicht durch Bürokratie aufgehalten werden. Die bisherige Landesregierung habe Unterstützungsgelder der Bundesebene nicht immer eins zu eins weitergegeben. Außerdem brauche es ein Förderprogramm für Kommunen. Aber auch hier gebe es eine große Bürokratie. Auch im schulischen Bereich gebe es leider eine „Keine Fehler machen“-Kultur. Alles müsse juristisch abgesichert sein. In Polen nenne man das Fehlen einer klaren Vorgabe „Freiheit“, in Deutschland „Regelungslücke“. Auf die Frage, in welchem Ausschuss des Landtags er sitzen wolle, bekannte der Kreistagsabgeordnete: „Sehr gerne im Bildungsausschuss. Aber das klappt vielleicht auch nicht, da dieser sehr begehrt ist.“ Die Nachfrage nach einer Schule ohne Noten beantwortete der Ratsvorsitzende der Bellheimer Pfarrei Heilige Hildegard von Bingen mit einem klaren Nein.
Ob der Bildungserfolg zu abhängig vom Einkommen der Eltern sei, erfragte Elena Berge, woraufhin der Vorsitzende des Freundeskreis am Eduard-Spranger-Gymnasium Landau unterstrich, dass kein Mensch gleich sei, aber gleiche Chancen haben sollte. Jedes Kind müsse mit vier Jahren verbindlich auf seine Sprachfähigkeiten getestet werden. Kein Kind dürfe in die Grundschule gehen, wenn es nicht Deutsch sprechen könne. Hier gehe es auch um Deutsche. Es sei völlig egal, wer mit vier Jahren Probleme habe. Das letzte Jahr in den Kindertagesstätten müsse verpflichtend werden. Die Grundschulen in Rheinland-Pfalz müssten anders aufgestellt werden: mit gemeinsamem Mittagsessen und Hausaufgabenbetreuung bis 14 Uhr. Auf die Nachfrage, wer das bezahlen solle, versicherte der ehemalige Mitarbeiter des heutigen Bundestagsabgeordneten Thomas Gebhart, dass die Mittel
in Mainz vorhanden seien. Es werde viel kosten und nicht von heute auf morgen realisiert werden können. Die Abiturientin Lea Schanne hakte nach und fragte erneut bezüglich der Jobaussichten für Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Schichten. Grundsätzlich gelte, so Tobias Baumgärtner, die Sprache müsse gesprochen werden, Fernsehen und Tablet dürften nicht im Übermaß genutzt werden: „Diejenigen, die Förderprogramme bekommen, nutzen diese häufig nicht.“
Wer denn die Sprachtests für die Vierjährigen durchführen solle, denn auch hier gebe es zu wenige Leute, thematisierte Vivien Bauer. „Nicht die Erzieherinnen und Erzieher!“, stellte Tobias Baumgärtner klar. Auf diesen werde jedes neue Förderprogramm abgeladen. Die Zeit werde am Kind eingespart. Insgesamt müsse noch überlegt werden, wer dies durchführen soll.
Was für weiterführende Schulen geplant sei, insistierte Elena Berge. „Auf jeden Fall keine Einheitsschule. Der Aufbau mit Gymnasium, IGS und Realschule plus ist gut, auch wenn die CDU der ehemaligen Hauptschule nachtrauert“, hob das Bellheimer Verbandsgemeinderatsmitglied hervor: „Digitale Hausmeister, die sich mit allem Technischen befassen, sollen Standard werden. Die Lehrkräfte sollen sich voll um den Unterricht kümmern.“
Finjas Schwarz wollte prinzipiell wissen, wie es sein könne, dass Menschen nicht genug Geld für Ihre Arbeit bekommen, beispielsweise Pflegekräfte. „Die Arbeit muss angemessen bezahlt werden“, pflichtete Tobias Baumgärtner zu. Es gebe viel zu wenig Ausbildungsplätze in der Pflege, woraufhin Hella Zúniga Hinderberger betonte, die Berufsmesse in der Germersheimer Stadthalle habe ihr gezeigt, dass die Pflege als Beruf nicht attraktiv genug sei. Der Christdemokrat stimmte zu: „Als Mann wurde man im sozialpädagogischen Studium komisch angeschaut, weil man dort so wenig verdient. Man muss auch an Equal Pay denken. Die Dokumentationspflicht frisst auch in der Pflege zu viel Zeit weg. Zu wenige Ärzte und Pflege werden ausgebildet.“
Matthis Dreyer erbat sich Auskunft darüber, wie die Wirtschaftskrise bewältigt werden könne, worauf der gebürtige Pfälzer erwiderte: „Die Bundesebene muss mittelständische Unternehmen unterstützen und Bürokratie abbauen. Alles muss viel einfacher gestaltet werden.“ Bezüglich der Energiekosten rate er nicht zu einer Zukunft mit Atomkraft. Das Abschalten der letzten AKWs sei aber falsch gewesen. Man müsse die Energiewende in Rheinland-Pfalz auch nicht fünf Jahre früher als auf Bundesebene bewältigen und klimaneutral werden, wie das die Ampelregierung auf Landesebene beschlossen habe. Die Dokumentationspflichten seien zu groß. Es gebe zu viele Prüfbehörden. Osteuropäische Staaten hätten Deutschland überholt.
Bezüglich der Digitalisierung in Rheinland-Pfalz beschwerte sich Mileen Schander, dass Baden-Württemberg viel weiter sei, die iPads in Rheinland-Pfalz jedoch veraltet. Digitalisierung sei dadurch erlaubt, aber nicht praktisch, da auch notwendige Apps nicht heruntergeladen werden dürften. Tobias Baumgärtner stimmte ihr zu und warnte vor vielen kleinen Insellösungen.
Lia Kunz bezog sich auf die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz, dass die Deutschen mehr arbeiten müssten und erbat sich hier konkrete Möglichkeiten, dies zu bewerkstelligen. Der zukünftige Landtagsabgeordnete stimmte seinem Parteichef hinsichtlich der Work-Life-Balance zu, bezeichnete aber die von der parteinahen Mittelstandsvereinigung losgetretene Diskussion um eine Lifestyle-Teilzeit als „idiotisch“. Insgesamt müsse es um die Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Verpflichtungen gehen.
Nazar Kulchak beklagte, dass die Bahn nicht verlässlich fahre: „Liegt das an der regionalen oder an der Landesebene?“ Auch hier musste der bisherige Leiter des Germersheimer Tourismusbüros nicht lange überlegen und erklärte, das liege leider am Fachkräftemangel, aber auch an der Planung. Morgens seien die Busse brechend voll, nachmittags nicht. Die Lösung sei „Mobility On Demand“, das man bereits auf der Landesebene hätte voranbringen müssen. Auch das Schienennetz müsse modernisiert werden. Hella Zúniga Hinderberger hakte nach und bemängele das ÖPNV-Netz. Außerdem seien die Preise zu hoch, worauf der ehemalige Ortsbürgermeister Bellheims zugab, dass der öffentliche Nahverkehr zwischen Bellheim, Knittelsheim und Ottersheim zwar gut laufe, Zeiskam, Lustadt und Westheim aber schlecht angebunden seien. Man könne keine leeren Busse fahren lassen, sondern müsse auf bedarfsorientierten Verkehr setzen.
Burhan Güneş wollte wissen, warum sich Deutschland nicht von der US-amerikanischen Militärbasis in Ramstein distanziere. Damit beteilige sich die Bundesrepublik an einem Krieg und die CDU stehe doch für christliche Werte. „Hierauf habe ich noch keine Antwort“, gab der studierte Sozialpädagoge zu. Die USA seien unsere traditionellen Verbündeten. Selbstverständlich könne Deutschland durch Ramstein selbst zu einem Ziel für Angriffe werden. Ramstein sei für die Westpfalz auch ein wichtiger Faktor. Insgesamt müsse Europa selbstbewusster und eigenständiger werden und dürfe sich nicht bei US-Präsident Donald Trump einschmeicheln. Leider seien den USA wirtschaftliche Interessen im Iran wichtig, nicht der Regimewechsel. Die EU müsse das Einstimmigkeitsprinzip abschaffen. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán blockiere alles. Man brauche Mehrheitsentscheidungen.
Das Goethe-Gymnasium bedankt sich bei Tobias Baumgärtner für seinen Besuch direkt nach seinem Wahlerfolg und darf auf eine sehr gelungene und informative Veranstaltung zurückblicken. Bereits nach den Landtagswahlen 2021 konnte das GGG den damals neuen und direkt gewählten Landtagsabgeordneten aus dem Wahlkreis Germersheim unmittelbar nach der Wahl in den Unterricht einladen. Hierbei war Markus Kropfreiter (SPD) aufgrund Corona noch virtuell zugeschaltet.
Dirk Wippert
