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„Die Qualität von Gesamtschulen? Das ist eine politische Antwort!“ Politikwissenschaftler Busemeyer diskutiert mit LK Sozialkunde über Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft

„Wie stehen Sie zur Gesamtschule?“, fragt Paul Wagner.

Der Zwölftklässler sitzt an seinem Laptop und wartet gespannt auf die Antwort von Marius Busemeyer. Der Politikwissenschaftler, der an der Universität Konstanz schwerpunktmäßig zum Thema Bildungspolitik forscht und lehrt, blickt interessiert in die Kamera seines heimischen Rechners und unterstreicht, dass er klar zwischen Politik und Wissenschaft trenne. Während sich die Politik zwischen Alternativen entscheiden könne, hierbei politische Präferenzen äußere und hiernach entscheide, sei es Aufgabe der Wissenschaft zu klären, welche Ursachen und Folgen politisches Handeln habe. Er könne anhand von zuvor entwickelten Kriterien und Methoden messen, welche Auswirkungen Gesamtschulen auf Bildungschancen und -gerechtigkeit haben sowie welche Vor- und Nachteile längeres oder kürzeres gemeinsames Lernen auf Gesellschaftsschichten oder das Individuum hat. Es stehe ihm aber nicht zu, seine persönliche Präferenz für oder gegen die Gesamtschule auszudrücken. Dies müssten Politiker*innen nach einem Abwägungsprozess entscheiden.

Aber nicht nur die Frage bezüglich der Qualität von Gesamtschulen bereicherte am 1. März 2021 die Videokonferenz des Leistungskurs Sozialkunde (MSS 12) am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium Germersheim mit dem renommierten Bildungsforscher vom Bodensee, sondern auch zahlreiche weitere Debattenpunkte der zwölf Schülerinnen und Schüler.

Die Frage von Fabienne Rieder, warum er sich für Politikwissenschaft entschieden habe, beantwortete der an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ausgebildete Professor damit, dass ihn Politik seit jeher interessiert habe und er es sehr zu schätzen wisse, wie breit sein Fach aufgestellt sei. Auch biete die Politikwissenschaft mannigfaltige realistische Berufsperspektiven, die vom Verbleib in der Wissenschaft über die Politikberatung und Büroarbeit für Abgeordnete bis hin zum Journalismus und Lehrberuf an Schulen reichten.

Sena Engins Frage, ob ihm das Studieren durchgehend Spaß gemacht habe, bejahte Busemeyer leidenschaftlich und unterstrich die große Horizonterweiterung, die das Studium bieten könne. Dennis Hodzic hakte nach, welchen Rat Busemeyer geben würde, wenn man seinen beruflichen Weg einschlagen wolle. Der badische-württembergische Akademiker hob hervor, dass er neben dem fachlichen Interesse vor allem Offenheit empfehle.

Katharina Kirchner erkundigte sich, ob sich die Politikwissenschaft gesellschaftlich und politisch zu Gunsten von Wirtschafts- und Rechtswissenschaften marginalisiert habe, wie dies die Politikwissenschaftler Frank Decker und Eckhard Jesse 2016 in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung behauptet hatten. Busemeyer gab zu bedenken, dass Wirtschafts- und Rechtsforscher nicht immer einen ganzheitlichen Ansatz verfolgten, sondern oftmals nur einen Teilaspekt, nämlich Erklärungsansätze für wirtschaftliche oder juristische Phänomene, betrachteten. Deshalb werde die Politikwissenschaft dringend gebraucht.

Nils Altmann wollte erörtert wissen, wie Studien und Umfragen in der Politikwissenschaft genau abliefen, worauf Busemeyer einen kleinen Einblick in seine Kriterien und Messinstrumente zum Thema „Vertrauen ins Gesundheitssystem“ gab und diese trennscharf von journalistischen Umfragen abgrenzte.

Victor Kusterer konfrontierte den Bildungsexperten mit den unterschiedlichen Niveaus des Abiturs in den einzelnen Bundesländern, woraufhin Busemeyer erklärte, dass er diese bis zum Bachelorabschluss nicht wahrnehme und es lediglich im Masterstudium Unterschiede zu den in diesem Stadium schon weiter vorangeschrittenen ausländischen Studierenden gebe.

Die von Jonas Huber geäußerte Kritik an einer These des Wahl-o-maten zu den Landtagswahlen 2021, an welchem Busemeyer als Bildungsexperte mitgewirkt hatte, konnte der Politikforscher nachvollziehen und gab zu bedenken, dass hierbei immer zwischen langen Erklärungstexten und wenig Zeit der Mitspielenden abgewogen werden müsse.

Bei Florian Weis´ Frage nach dem derzeit besten Politiker musste Busemeyer schmunzeln. Aus wissenschaftlicher Perspektive sei dies nur schwer zu beantworten. Man müsse Kriterien entwickeln, die dann angewendet werden müssten, beispielsweise Rhetorik oder aber auch attraktives Aussehen. Emily Berges Nachfrage, ob es Busemeyer immer schaffe, zwischen eigener politischer Präferenz und beruflicher Neutralität zu trennen, bejahte der Professor mit Nachdruck.

Nach 50 Minuten intensiver Diskussion kann das Goethe-Gymnasium auf eine sehr gelungene Veranstaltung zurückblicken. Nach Videokonferenzen mit den pfälzischen Politiker*innen Christine Schneider, Jutta Paulus, Thomas Gebhart und Thomas Hitschler sowie mit dem Rheinpfalz-Redakteur Winfried Folz stellte die Gesprächsrunde mit dem Politikwissenschaftler Marius Busemeyer für den Leistungskurs Sozialkunde nun eine ideale Ergänzung dar.

Dirk Wippert

 

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